Jetzt ist wieder Hochsaison für Raclette. Das beliebte Käsegericht ist eigentlich eine stille Angelegenheit. Im Schweizer Kanton Wallis stand der Käse früher am Feuer, wurde gedreht, geschmolzen, abgeschabt – fertig. Dazu: Kartoffeln, ein paar Essiggürkchen, vielleicht Zwiebeln. Mehr nicht. Der Käse war der Star, nicht der Nebendarsteller.
„Racler“ heißt schaben, nicht stapeln. Im Wallis wird bis heute puristisch gegessen: ein halber Laib, Hitze, Geduld. Keine Pfännchen, keine Ananas, kein Mais.
Und dann Raclette nördlich der Alpen. Die Mahlzeit wird hier zum kulinarischen Wimmelbild. Auf dem Tisch liegen Garnelen, Hackfleisch, Brokkoli, Pfirsiche aus der Dose, fünf Sorten Käse, die nicht das Geringste mit schönem Schweizer Raclette-Käse zu tun haben, und etwas, das entfernt an Chili con Carne erinnert. Alles darf unter den Käse, nichts muss Sinn ergeben. Hauptsache heiß.
Im Wallis ist Raclette ein Bekenntnis zur Reduktion. Hierzulande ist es eine Ausrede für maßlose Vielfalt. Und während die Schweizerinnen und Schweizer darüber den Kopf schütteln, schieben wir noch schnell eine Banane ins Pfännchen – aus reiner Silvesterlaune. Angelika Tiefenbacher



